365 Tage auf den Spuren der Lithografie. Ein über 200-jähriges, traditionsreiches Handwerk erlernen, bewahren und weitergeben.
Die Reise der Steine
Im Litho-Land Bayern

Im Litho-Land Bayern

Für drei Wochen war ich bei Li Portenlänger in der Eichstätter Lithografie-Werkstatt in Bayern zu Gast. Ich schaue mit einem bittersüßen Gefühl von Wehmut auf diese wunderschöne und intensive Zeit zurück. Sei es die Gastfreundschaft und die lebensbejahende Persönlichkeit von Li Portenlänger, ihr umfangreiches künstlerisches und handwerkliches Wissen, das barocke Ambiente der im Altmühltal liegenden Kleinstadt Eichstätt oder die umliegenden Steinbrüche. Jeder Aspekt meines Aufenthaltes hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen und mir ermöglicht, mich als Künstlerin und Lithografin weiterzuentwickeln.

Auf dem Weg in meine handwerkliche Selbstständigkeit.

Die Eichstätter Lithografiewerkstatt ist 1998 anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Erfindung der „chemischen Druckerey“ von Alois Senefelder in der Herkunftsregion des für die Lithografie notwendigen Werksmaterial, dem Druckstein, gegründet worden. In Zusammenarbeit mit der Stadt Eichstätt, internationalen Künstlerfreunden und der vor Ort ansässigen Künstlerin Li Portenlänger wurde dieses ambitionierte Projekt für die öffentliche Wertschätzung und Sichtbarkeit der historischen Drucktechnik ins Leben gerufen. Seitdem werden regelmäßig internationale oder nationale Gastkünstler:innen für einen Werkstattaufenthalt eingeladen sowie ein vielfältiges Jahresprogramm gestaltet.

Ich durfte die drei Wochen nutzen und mich meinen eigenen künstlerischen Arbeiten auf dem Stein widmen. Neu war für mich im Kontext der Eichstätter Lithografie-Werkstatt auch selbstständig mit den Chemikalien umzugehen und für meine Zwecke die Ätze anzurichten. Da ich vor allem die Arbeit mit Lithografie-Tusche schätze, nutzte ich meinen Aufenthalt, um unterschiedliche Tuschezeichnungen zu präparieren und zu drucken.

Und da begann der Spaß! Schon Walter Dohmen sagt in seinem Lehrbuch über Lithografie: „Es ist sehr verlockend, Tuschestrukturen auf den Stein zu bringen. Nur wehe dem, der sie drucken muss.“ Ich tastete mich also schrittweise an die Präparation meiner Tuschezeichnungen heran, richtete mir meine Ätze an, stellte häufig fest, dass diese zu stark ist und lernte jedes Mal aufs Neue aus meinen Fehlern. Auch mit unterschiedlichen Papiersorten sowie in deren trockenem oder angefeuchtetem Zustand zu drucken, offenbarten mir unterschiedliche Resultate. Li kam immer im richtigen Augenblick, um mich mit ihren künstlerischen und handwerklichen Kenntnissen zu unterstützen. Sie schulte auch meinen bewussteren Umgang mit der Leder- und Gummiwalze. Zunehmend verstand ich, wie wichtig es ist, den Stein während des Druckens stetig zu beobachten und auf ihn zu reagieren.

Die Losung „Saxa loquuntur“ – die Steine sprechen, bestätigte sich! Ich bin mit dem Stein in ständiger Kommunikation, um ein zufriedenstellendes Druckergebnis zu bekommen . 

Insgesamt habe ich während meinem Gastaufenthalt 9 Steine gedruckt: 6 Steine mit meinen eigenen Motiven und 3 historischen Motive auf Stein gemeinsam mit Li Portenlänger. Eine Werksschau ermöglichte mir meine Arbeiten den Besucher:innen im Rahmen der offenen Werkstatt zu zeigen.

Offene Werkstatt und das Drucken historischer Motive vom Stein.

Die offene Werkstatt ist Bestandteil bei den Gastaufenthalten und eine hervorragende Möglichkeit Interessierten die Technik praktisch näher zu bringen. Li hatte noch einige historische Motive auf Stein in ihrer „Steinbibliothek“, die an die früheren Hochzeiten des Steindrucks zurückerinnerten. Wir nahmen also meinen Aufenthalt zum Anlass, alte Motive wiederzubeleben. Da ich selber ein paar Steine mit historischen Motiven in der Garage meiner Eltern zwischenlagere und diese gerne drucken möchte, bevor ich sie abschleife, kam mir es sehr gelegen, meinen Litho-Walz-Lehrplan, um das Modul „Wiederbeleben historischer Motive“ zu ergänzen. 😉

Ich staunte nicht schlecht, dass ein Stück Holzkohle in Verbindung mit Terpentin die jahrzehntealte Druckfarbe vom Stein löste und erneut das Fettbild in Erscheinung treten ließ. Mit Auswaschtinktur verstärkten wir das Fettbild und walzten den Stein mit Federfarbe an. Anschließend zeigte mir Li eine Technik, die sie bei ihrem Lehrer Masterprinter Rudolf Broulim in Brüssel lernte. Sie nahm mit einer glatten Lederwalze und viel Wasser die überschüssige Federfarbe vom Stein ab und zurück blieb das zu druckende Motiv.

Hier wasche ich die alte Druckfarbe aus mittels Terpentin und ein Stück Holzkohle. Foto: Li Portenlänger

Die Werksschau von meinen Arbeiten die in Eichstätt entstanden sind. 🙂

Li zeigt mir wie ich mit einer glatten Lederwalze die überschüssige Federfarbe vom Stein entferne.

Jetzt bin ich dran! 🙂 Foto: Michael Schölß

Der erste Andruck vom letzten Stein im Rahmen der offenen Werkstatt. Foto: Li Portenlänger

Steinwissen

Li Portenlänger verfügt nicht nur über hervorragende künstlerische und handwerkliche Fähigkeiten, sondern hat sich über die Jahre viel Wissen über das genutzte Werksmaterial, den Solnhofer Plattenkalk angeeignet. Somit ist ein Besuch im weltweit letzten Lithografiesteine produzierenden Betrieb SSG (Solnhofer Stone Group) und der Blick in ehemalige Steinbrüche ein obligatorischer Bestandteil meines Künstleraufenthaltes. Ich bin froh, nicht nur neues Wissen über das Werksmaterial zu erhalten, sondern einen Grund zu haben auch mal aus der Werkstatt raus zukommen, welche ich täglich nur zum Essen und Schlafen gezwungener Maßen verlassen habe. 😉

Das ist der Steinbruch Horstberg. Das ehemalige Abbaugebiet für den blauen und somit qualitativ hochwertigsten Lithografie-Stein.

Aber zurück zum Stein: Der Solnhofer Plattenkalk ist in seiner Feinheit, Reinheit und Homogenität qualitativ nicht zu übertreffen. So erzeugte die Erfindung von Senefelder im 19. Jh. eine ungeheure Nachfrage nach Lithografie-Steinen. In ganz Europa begann die Suche nach brauchbarem Material. Die vier weiteren Steinbrüche in Frankreich, Spanien und Mexiko reichten jedoch nicht an die einmalige Beschaffenheit des Solnhofer Plattenkalkes heran. Warum erklärte mir der promovierte Geologe und Gründungsdirektor des Eichstätter Juramuseums, Dr. Günther Viohl.

Wo sich heute Bayern mit dem wunderschönen Altmühltal befindet, war vor 150 Millionen Jahren das sogenannte Jura-Meer: ein Korallenriff-Komplex mit erhöhten Inseln und dazwischen liegenden Lagunen. Diese Lagunen waren von den Geschehnissen des Meeres größtenteils abgeschnitten und entwickelten sich somit zu stagnierenden Wassermulden mit einem lebensfeindlichen Milieu. Somit ist die Reinheit des Solnhofer Plattenkalkes zu erklären. Aufgrund der sauerstofffreien, lebensfeindlichen Umgebung hat sich dort kein Tierchen oder Organismus hin getraut und wenn zufällig ein Flugsaurier über diesen Mulden abstürzte oder durch gelegentliche Wirbelstürme Organismen wie Fische in die Mulden geschwemmt wurden, gab es keine Aasfresser oder andere Bodenbewohner, die diese Organismen hätten zersetzten können. Somit sind die Plattenkalke meist ausgezeichnete Fossil-Lagerstätten, in denen sich vollständige Skelette, häufig sogar Weichteilstrukturen abzeichneten.

Ich hab mich natürlich mit Li Portenlänger und Dr. Günther Viohl auch auf die Suche nach Fossilien gemacht und bin auch fündig geworden. Glücklicherweise sind meine Eltern als Überraschungsgäste in Eichstätt zum Tag der offenen Werkstatt vorbeigekommen. Denen konnte ich meine Fossilien-Schätze mitgeben, ansonsten hätte ich ein kleines Platzproblem im Rucksack bekommen.

Auf jeden Fall ist nicht jeder Stein, der aus den Steinbrüchen gebrochen wird, als Lithografie-Stein geeignet. Jemand, der sich am besten damit auskennt, ist Herr Vogg! In vierter Generation Naturwerksteinmechaniker und der Letzte seiner „Art“, der noch die fachgerechte Weiterverarbeitung zum druckfertigen Lithografie-Stein beherrscht! Ja, der Letzte! Danach ist (nach heutigem Stand) erst mal Schluss.

das Litho-Lager im SSG! Hier reichen die Lithografie-Steine bis unters Dach 😉

Dieser Steinbruch ist noch in Betrieb.

Dr. Günther Viohl erklärt mir, dass die übereinander liegenden Sedimentgesteine Flinzen heißen. Foto: Li Portenlänger

Li Portenlänger bricht ihr Fossil zurecht.

Meine fossilen Schätze. Sieht nicht danach aus, aber die Dinger sind verdammt schwer. 🙂

Die Besuche in den Steinbrüchen haben mich zum einen realisieren lassen in welchen Dimensionen der Abbau von Solnhofer Plattenkalk im 19. Jh. betrieben wurde und mit welcher Gewalt der Mensch damals schon in die Natur eingegriffen hat. Gleichzeitig bekam ich einen Einblicke in unsere Erdgeschichte und dies erfüllte mich mit einer gewisse Demut gegenüber der Zeit. Diese Eindrücke bestärken meine Wertschätzung und meinen Respekt gegenüber dem Material mit dem ich arbeiten darf. Der Lithografie-Stein ist nicht nur ein kulturhistorisches Relikt sondern vor allem ein Stück Mutter Erde mit dem ich gemeinsam meine Bildwelten erschaffen darf.

Solnhofer-Plattkalk vor der Weiterverarbeitung